Open Innovation und Crowdsourcing im Healthcare-Sektor – Der moderne Verbraucher als Partner für Innovationen

Dieser Artikel ist im JAHRBUCH HEALTHCARE MARKETING 2015, Seite 26-29, ISBN 978-3-936182-53-8 erschienen. Hier finden Sie den Artikel zum Download als pdf. 

Das Aufkommen des Internets und der Zugang zu nahezu endlosen Mengen an Informationen veränderte das Konsumentenverhalten im Laufe der letzten Jahre grundlegend. Aus Konsumenten und Abnehmern wurden zunehmend informierte Verbraucher, die Unternehmensbotschaften kritisch hinterfragen und fundierte Kaufentscheidungen treffen. Der nächste logische Schritt in dieser Entwicklung zeichnet sich bereits ab: Die Forderungen seitens der Verbraucher nach Mitsprache und aktiver Mitgestaltung von Produkten oder gar Unternehmensentscheidungen sind lauter denn je. Für Produzenten und Organisationen liegt darin enormes Potenzial für Innovationen und langanhaltende Kundenbeziehungen – auch im Bereich der Gesundheitslösungen.

Die Dynamik zwischen Unternehmen und Verbrauchern befindet sich seit geraumer Zeit im Wandel. Dies gilt insbesondere für hochspezialisierte und wissensintensive Bereiche wie dem Gesundheitsmarkt. Durch die Masse an einfach zu findenden und öffentlich zugänglichen Informationen verschwimmt die traditionelle Trennlinie zwischen Experten auf der Anbieterseite und den Laien auf der Käuferseite zunehmend: Details zu Behandlungsformen oder Wirkungsweisen von Medikamenten lassen sich heutzutage ohne Anstrengung verständlich aufbereitet im Internet finden. Dies schmälert keinesfalls die Kompetenzen von Ärzten, Pharmazeuten oder Pflegern. Jedoch gilt es, das Wissen der informierten Verbraucher oder Patienten zu berücksichtigen.

Wie stark sich die Verfügbarkeit von Informationen auf unser Verhalten auswirkt, zeigt sich in nahezu jeder größeren Kaufentscheidung. Wer würde heutzutage noch ein neues Auto alleine auf Basis der Ausführungen des Händlers anschaffen, ohne Erfahrungsberichte oder Rezensionen im Internet zu recherchieren? Selbstverständlich konnte man auch in der Vergangenheit Meinungen aus dem Bekanntenkreis einholen, der zentrale Unterschied hierbei ist jedoch, dass der Informationsaustausch über das Internet nicht durch direkten sozialen Kontakt bzw. räumliche oder zeitliche Grenzen beschränkt ist.

Es ist somit leichter denn je, Gleichgesinnte oder Personen mit gleichen Vorstellungen und Erwartungen zu finden und von deren Wissen zu profitieren. Folglich steigt der Anspruch der Verbraucher, Lösungen zu finden, die genau den individuellen Anforderungen und situativen Gegebenheiten entsprechen. Was für Autos gilt, gilt genauso für den Healthcare-Sektor. Besonders die direkte Verbindung zur eigenen Gesundheit legt nahe, dass Kunden in diesem Kontext intensiv nach für sie ideal geeigneten Produkten oder Lösungen suchen. An dieser Stelle lassen sich selbstverständlich Bedenken hinsichtlich Selbstdiagnose oder Selbstmedikation äußern. Es ist daher notwendig, Strukturen und Prozesse zu schaffen, die sowohl den grundlegend veränderten Erwartungen der Verbraucher gerecht werden, als auch wichtige Rahmenbedingungen definieren. Glücklicherweise fördert die derzeitige Entwicklung des Internets die Entstehung eben solcher Strukturen und erste richtungsweisende Beispiele für das zukünftige Verhältnis von Patienten und Gesundheitsexperten sind leicht zu finden.

Patient Innovation & Patients Like Me

Mit sozialen Netzwerken und Web-2.0-Anwendungen eröffnen sich völlig neue Dimensionen für den Wissensaustausch zwischen Verbrauchern. Online-Plattformen und virtuelle Räume ermöglichen es den einzelnen Individuen, nicht nur relevante Informationen zu finden, sondern sich darüber hinaus untereinander zu vernetzen. Im Zuge dieser Vernetzung lässt sich oftmals eine zentrale Veränderung beobachten: Während die einzelnen Personen anfangs noch individuelle Ziele verfolgen, rückt nach und nach Kollaboration in den Mittelpunkt. Aus dieser Dynamik entstehen Gemeinschaften oder Communities. Informationen werden nicht mehr nur gesucht, sondern aktiv zum Nutzen aller Beteiligten und dem Kollektiv geteilt. Solche Communities lassen sich branchen- und industrieübergreifend finden. So auch im Gesundheitswesen.

https://patient-innovation.com/
https://patient-innovation.com/

Die internationale Plattform Patient Innovation ist ein erfolgreiches Beispiel dafür. Das Projekt hat es sich zum Ziel gemacht, Patienten seltener Krankheiten oder deren Angehörige miteinander zu vernetzen. Aufgrund der per Definition geringen Marktgröße für Behandlungsmöglichkeiten seltener Krankheiten bleiben kommerziell entwickelte Therapien und Alltagshilfen für diese Personen oftmals aus. Die Patienten und deren Familien sind folglich auf eigene Ideen und Lösungen angewiesen und überdurchschnittlich innovativ und erfinderisch – in Bezug auf die Ausgestaltung ihres Alltags oder auch in Bezug auf Therapieformen für ihre Krankheiten. Die Web-Plattform Patient Innovation ermöglicht es, dass sich Personen mit ähnlichen Herausforderungen über ihre Ideen austauschen. Lösungen bleiben somit nicht mehr nur den Erfindern vorbehalten, sondern können das Leben von Patienten aus der ganzen Welt verbessern. Dank des Community-Charakters und dem übergeordneten Ziel, die Situation aller Mitglieder langfristig zu verbessern, werden diese Ansätze nicht nur untereinander geteilt, sondern auch kollaborativ weiterentwickelt.

http://www.patientslikeme.com/
http://www.patientslikeme.com/

Ein ähnliches Beispiel ist die Plattform Patients Like Me. Diese Community umfasst mittlerweile mehr als 300.000 Mitglieder, die sich über Behandlungen, Symptome und generelle Erfahrungen im Bezug auf ihre Gesundheit austauschen. Neben dieser Diskussion verfolgt die Plattform noch ein weiteres Ziel: Indem die Mitglieder gemeinsam konkrete Daten zu ihrer Gesundheit oder Behandlung sammeln, ermöglichen oder vereinfachen sie quantitative Studien, die letztendlich Forschung und medizinischen Fortschritt vorantreiben. Auch hierbei schaffen die einzelnen Mitglieder Mehrwert für sich selbst und andere Mitglieder durch Kollaboration – sie generieren Wissen im Schwarm und ermöglichen die Identifikation von Zusammenhängen allein aufgrund der schieren Masse an Teilnehmern.

Crowdsourced Innovation

Die beiden genannten Beispiele beschreiben die Vernetzung von Patienten oder Konsumenten. Doch welche Rolle können Unternehmen in dieser Entwicklung einnehmen und für sich das Potenzial von engagierten und aktiven Verbrauchern nutzbar machen? Eine Antwort darauf bietet „Crowdsourced Innovation“. Der Kern dieses Ansatzes beschreibt die Ergänzung von Innovations- und Entwicklungsprozessen durch die Möglichkeiten von Crowdsourcing – also der Auslagerung von Unternehmensprozessen an große Gruppen von Menschen über das Internet. Dank der oben beschriebenen Vernetzung und Community-Dynamik sind Unternehmen in der Lage, nicht nur auf die Ideen oder das Wissen einzelner, isolierter Individuen zurückgreifen, sondern die Schwarmintelligenz und Kreativität eines gesamten Kollektives zu nutzen.

Mit Kunden, die motiviert sind, ihre perfekte Lösung selbst zu kreieren, anstatt auf existierende Angebote zurückzugreifen, eröffnet sich enormes Potenzial, Produkte und Dienstleistungen auf revolutionär neue Art und Weise zu entwickeln. Indem Unternehmen Schnittstellen schaffen und den Dialog mit Communities suchen oder diese gar selbst aufbauen, können Entwicklungsprozesse für externes Wissen geöffnet werden, um damit neue Angebote oder Geschäftsmodelle erfolgreicher zu entwickeln. Der direkte Austausch mit Kunden entlang des gesamten Entwicklungsprozesses ermöglicht es, Ideen und Konzepte sehr früh zu priorisieren. Darüber hinaus lassen sich komplett neuartige und innovative Ideen identifizieren. Die gesamte Entwicklung wird dadurch effizienter und die entwickelten Angebote marktnäher.

Die oben beschriebene Kollaboration muss sich nicht auf Patienten und Verbraucher untereinander beschränken, im Gegenteil: Gerade Unternehmen sollten sich in diesen Dialog einschalten – zunächst zuhören, um dann aktiv mitzureden und letztendlich ganze Communities aktiv in die Entscheidungsfindung einzubeziehen. Von der Entwicklung neuer OTC-Produkte bis hin zu komplexen Behandlungstechnologien; die Anwendungsszenarien für Crowdsourced Innovation im Healthcare Sektor sind nahezu grenzenlos.

Open Innovation in der Medizintechnik

Ein Beispiel, das verdeutlicht, wie Unternehmen mit externen Communities zusammen arbeiten können, ist „Medical Valley Innovation“. Im Cluster Medical Valley arbeiten über 180 Medizintechnikunternehmen, die insgesamt ca.16.000 Mitarbeiter beschäftigen, 18 Hochschulen, 22 außeruniversitären Forschungseinrichtungen und verschiedenste Einrichtungen der Gesundheitsversorgung an Innovationen in der Medizintechnik. Um die Vernetzung und einen intensiveren Wissensaustausch sowohl innerhalb des Clusters, als auch mit externen Akteuren zu fördern, wurde die Open Innovation-Plattform Medical Valley Innovation ins Leben gerufen. Basierend auf der innosabi Technologie ermöglicht diese Plattform die Umsetzung der oben beschriebenen Crowdsourced Innovation Prozesse.

https://medical-valley-innovation.de/
https://medical-valley-innovation.de/

Die involvierten Unternehmen können so die gesammelten Kompetenzen einer aktiven Community nutzen und die Vorzüge und Synergien eines Clusters noch weiter ausbauen. Ziel der Plattform ist es, den Medizintechnikunternehmen des Netzwerks neue Wege zu innovativen Lösungen aufzuzeigen. Mit Hilfe der Plattform werden unternehmensintern ungelöste Forschungs- und Entwicklungsfragen an eine große Open Innovation-Plattform und fachlich heterogene Community gestellt. Bei den bisherigen Projekten haben sich neben Unternehmern und Angestellten aus dem Medizintechnikbereich auch Studenten und Doktoranden verschiedenster Fachrichtungen eingebracht. Dies ermöglicht den teilnehmenden Unternehmen von externem Wissen und Erfahrungen zu profitieren und somit die Effizienz des eigenen Innovationsprozesses zu steigern. Das Medical Valley handelt dabei als vertrauensvoller Intermediär in der Beziehung zwischen Teilnehmer und Unternehmen. Projektgeber und externe Akteure können sich auf der Plattform austauschen, miteinander diskutieren und gemeinsam Konzepte erarbeiten. Durch solche innovationsfördernden Strukturen kann das Medical Valley großen Mehrwert für die Mitgliederorganisationen schaffen und bietet Experten oder Patienten die Möglichkeit, ihre Ideen oder Erwartungen direkt einzubringen.

Zukünftige Entwicklungen

Parallel zur wachsenden Bedeutung von Communitys und Online-Plattformen entwickeln sich weitere Trends, die zukünftig signifikante Auswirkungen auf Crowdsourced-Innovation-Prozesse in der Gesundheitsbranche haben werden: Die Möglichkeiten, unsere Gesundheitsdaten wie z.B. gelaufene Schritte, Blutdruck oder Art und Dauer unseres Schlafs minutiös nachzuvollziehen, aufzuzeichnen und auszuwerten – zusammengefasst unter dem Oberbegriff „quantified self “ – werden zu noch weitreichenderen Chancen für Innovationen durch Nutzer und Patienten führen. Je besser wir unseren Körper und die Einflüsse darauf selbst verstehen, desto besser können wir mitreden. Umso wichtiger wird für Unternehmen dann auch die Interaktion mit solch mündigen und informierten Kunden werden.

Doch diese Wechselwirkung wird nicht der einzige Aspekt bleiben, den Unternehmen im HealthcareBereich neu gestalten müssen. Auf längere Sicht wird sich mit der Flut an Daten, Big-Data-Technologien und Smart-Health-Angeboten die Rolle aller involvierten Unternehmen wandeln. Diese werden zunehmend zu Knotenpunkten in einer vernetzten Welt. Neben dem bloßen Herstellen oder Anbieten von Produkten werden zusätzliche Leistungen wie beispielsweise das frühe Erkennen von gesundheitlichen Risiken oder das Bereitstellen individueller Therapielösungen notwendig sein, um den Anforderungen der modernen Verbraucher gerecht zu werden und letztendlich den gesamten Gesundheitsmarkt weiterzuentwickeln. Mit Crowdsourced-Innovation-Ansätzen können – und sollten – die Grundsteine für diese Zukunft bereits heute gelegt werden.